Die im Folgenden wiedergegebenen Texte zum "Hörfunk" von Oliver Weilandt sind
Auszüge aus dem Studiengang Öffentlichkeitsarbeit
Band 4: Journalismus und Pressearbeit, herausgegeben
vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen
Publizistik.
Sie können diesen und andere Fachartikel von Oliver Weilandt als .pdf
hier runterladen und unter Angabe des Autors und der Quelle verwenden.
Hörfunk
„Sehen ist die Hölle, Hören das Paradies“, sagt ein
japanisches Sprichwort und die Wirkungsforschung
ergänzt die himmlische Dimension des Hörfunks,
indem sie den Weg des Tons durch die Großhirnrinde
in das Innere des Menschen nachzuzeichnen versucht.
Was auf´s Ohr geht, kommt jedenfalls an, und
weghören ist weit schwerer als wegschauen, zumal
der Mensch die Augen schließen kann, für das Verschließen
der Ohren aber schon handgreiflich werden
muss.
Das Radio ist und bleibt (auch mit zunehmender Digitalisierung) für Pressesprecher und Öffentlichkeitsreferentinnen ein effizientes und relativ leicht nutzbares
Medium, um Informationen, Aktionen und
Botschaften zu platzieren. Professioneller Umgang
mit dem Hörfunk setzt aber gute Kenntnis dieses
Mediums voraus.
Radiosprache
„Für das Hören zu schreiben, bedeutet, zu schreiben
wie man´s spricht“. Dieser Satz hat 11, bzw. 12
Wörter und das ist eine gute Länge für einen Radiosatz.
Nun sprechen verschiedene Menschen in verschiedenen
Situationen jeweils anders, und dementsprechend
präsentieren auch Radiosprecher ihre für
ein Massenprogramm geschriebenen Texte nicht nur
mit anderen Wörtern, sondern diese Wörter auch anders,
als Autoren von jenen Radiosendungen, die
sich mit ihren Texten an ein kleines und besonders
interessiertes, das heißt aufmerksam zuhörendes
Publikum richten. Dieser Satz hatte nicht 11, sondern
52 Wörter. Haben Sie ihn von vorn bis hinten
durchgelesen und ganz verstanden, oder haben Sie
beim Lesen eine kleine Pause eingelegt? Sind Sie
vielleicht mit den Augen zurückgegangen? Beim
Lesen ist all dies ja möglich, beim Hören nicht und
beim Radiohören kann man noch nicht einmal nachfragen,
denn das Programm läuft weiter. Der Satz
mit den 52 Wörtern war für das Radio ungeeignet.
Radiosprache muss deshalb besonders verständlich
sein. Nur verständliche Radiotexte vermeiden die
leidige Alternative von Nichtverstehen aber Dranbleiben
oder Verstehen aber Abschalten.
Wiederholungen sind im radiophonen Text erlaubt
und erwünscht. Wiederholungen sind auch besser,
als zahlreiche Variationen für ein und dieselbe Sache.
Das bekannteste „Falschbeispiel“ ist der Satz:
„365 Parlamentarier stimmten mit Ja, 117 Abgeordnete
mit Nein, vier Volksvertreter enthielten sich der
Stimme“. Da drängt sich die Frage auf, wer noch
alles bei der Wahl anwesend war. Die Hauptinformation
über die Stimmanteile geht durch die Variationen
verloren.
Verständlich wird die Radiosprache, wenn Sie beim
Schreiben für den Hörfunk folgende Tendenzregeln
beherzigen: Radiosprache ist
- eher kurz, als weitschweifig
- eher aktiv, als passiv
- eher verbal, als substantivisch
- eher konkret, als abstrakt
- eher bejahend, als verneinend
- eher Perfekt, als Imperfekt
- eher umgangssprachlich, als fachsprachlich
- eher erzählend, als erklärend
- eher wiederholend, als variierend
Tip: Schreiben Sie doch mal zum Spaß einen 15zeiligen
Korrespondentenbericht über ihre derzeitige
Beschäftigung mit diesem Text. Überprüfen Sie Ihren
Bericht anschließend auf die obigen Regeln.
Zusammenfassend: Radiosprache folgt im Aufbau
und Ausdruck eher der Spontansprache. Das gleiche
gilt nicht nur für die Sprache, sondern ebenso für die
Spreche, d.h. für die Stimme. Radio ist halt „wie
man's spricht“.
Radiojournalistische Formen
Radiojournalistische Formen entsprechen zunächst natürlich den allgemeinen Definitionen für die journalistischen Formen. Darüber hinaus sind aber von der Durchführung des Interviews bis zur Präsentation „on air“ für die radiojournalistischen Formen einige Besonderheiten
zu bedenken:
- Nachricht: In den klassischen Nachrichtenredaktionen werden die verschiedenen Nachrichten in inhaltliche Blöcke gesetzt und vom Nachrichtensprecher
verlesen. Die Länge der einzelnen Nachricht
variiert nach der Wichtigkeit. Durchschnittlich wird
der gelesenen Nachricht innerhalb einer dreiminütigen
Nachrichteneinheit eine Länge von ca. 20 Sekunden
eingeräumt. In manchen Sendeanstalten
werden die Nachrichten der unterschiedlichen Wellen
(wie HR 1 und HR 3) zusammengeschaltet, teilweise
hat jede Einzelwelle eine eigene Nachrichtenredaktion
und/oder -Präsentation.
- O-Ton-Nachricht: Fast alle Privatsender, aber auch zahlreiche ARD-Service-Wellen senden innerhalb
ihrer Nachrichtensendung zu einem oder zwei Top-
Themen kurze O-Ton-Nachrichten von bis zu 30 Sekunden.
Es kann sich dabei um einen Original-Ton
handeln, also um die Aufzeichnung wichtiger Worte
oder Statements z.B. von Politikern. Die O-Ton-
Nachricht kann aber auch eine kurze, nachrichtliche
Zusammenfassung eines Ereignisses durch einen
Journalisten sein. Er kann diese Nachricht vom Ort
des Geschehens per Telefon im Sender absetzen.
Nicht selten verwenden Sender diese Art O-Ton-
Nachrichten, obwohl der scheinbar vor Ort befindliche
Kollege im Sendestudio nebenan sitzt und die
Nachricht aus Agenturmeldungen abgeschrieben hat.
Der out-cew, also die Abmoderation mit Sendername,
Autorenname und Ort ist insofern oft mit Vorsicht
zu genießen.
- Korrespondentenbericht: Zum Korrespondentenbericht wird die O-Ton-Nachricht durch größere Ausführlichkeit, durch die Erwähnung von Hintergründen und das Abwägen von Argumenten und Gegenargumenten. Das braucht Zeit und insofern
scheint es mir nicht sinnvoll, unter einer Minute
Länge noch von einem Bericht zu sprechen. Als reine
Sprechstücke einer außer Haus tätigen Mitarbeiterin
haben die Korrespondentenberichte meist einen
aktuellen Anlass und sind im strengen Sinn Augenzeugenberichte. Sie können sowohl live wie auch
aufgezeichnet und zeitversetzt ausgestrahlt werden.
Teilweise spielen die Korrespondenten in ihre Berichte
O-Töne und Zitate von Dritten ein. Technisch ist dies auch ohne Sendestudio über die Telfonleitung in hervorragender Qualität möglich.
- Bericht mit Einblendung:Es gibt für diese grundlegende Form des meist vorproduzierten Radioberichtes
viele Namen und ebenso viele Abkürzungen:
gebauter Beitrag (gB), Bericht mit Einblendung
(BmE), O-Ton-Bericht (OTB) und andere mehr. Die
Namen meinen alle das Gleiche: Der Berichterstatter
baut in seinen gesprochenen Text verschiedene OTöne
quasi wie Zitate ein. Die gleiche Form, nämlich
der Wechsel von O-Ton-Passagen und Texten
ergibt sich, wenn man andersherum formuliert: Der
Berichterstatter hat O-Töne ausgewählt und verbindet
diese mit eigenen Informationen zu dem informativen
Ganzen eines gebauten Beitrags.
Oft fließen in die gebauten Beiträge mehrere vorher
geführte Interviews oder Interviewauszüge ein. Geräusche,
Atmosphären und jede Art von eingebauten
Tönen sind in dieser Beitragsform denkbar. Die
Länge bewegt sich zwischen einer Minute und einer
Stunde. Privatsender halten eine Länge von maximal
1´30´´ für erfolgreich, ARD-Servicewellen bewegen
sich zur Zeit zwischen 2´00 und 3´30. Informationswellen
liegen bei bis zu 5´00. Was darüber hinausgeht,
gehört zwar formal noch zu der Kategorie
gebauter Beiträge, gerade im Bereich unterhaltender
Beiträge und atmosphärenreicher Beiträge ist der
Übergang zur nächsten und meist längeren Stilform
aber fließend.
- Die Reportage ist ein informatives Feuerwerk der
Sinne. Sie arbeitet notwendig mit vielen verschiedenen
Atmosphären und Klängen, die der Reporter bei
seiner Arbeit einfängt. In der Darstellung gibt die
Radio-Reportage (ob live oder vorproduziert) die
mit allen Sinnen gewonnenen Eindrücke des Reporters
möglichst vollständig, zeitgleich oder zeitversetzt
wieder. Die Atmosphären, Klänge, O-Töne und
die gesprochenen Texte der Reportage fügen sich zu
einer vielschichtigen Information zusammen. All
diese akustischen Elemente sollen die Hörerinnen in
die Lage versetzen, an der Sinneswahrnehmung des
Reporters teilzuhaben. Und - wenn ein schwärmerischer
Satz über das Kommunikationsmedium Radio
erlaubt ist - vielleicht können die Hörer beim Hören
einer guten Reportage sogar noch mehr als nur die
Wahrnehmung des Reporters wiederholen. Vielleicht
können sie sie durch ihre eigene akustisch angeregte
Phantasie verfeinern, akzentuieren, korrigieren und
erweitern. Es gibt Reportagen, die man hören kann.
Es gibt aber auch solche, die man am Radio mithören
kann, die man mitriechen, mitsehen und mitschmecken,
die man mitfühlen und erleben kann.
Die Reportage gehört auch in dieser Vielfalt unbedingt
zu den informativen Stilformen: sie infomiert
wie die Nachricht, enthält die news, sie berichtet,
bringt gut recherchierte Fakten und Hintergründe,
nur tut sie es auf eine subjektive, besonders einfühlsame
und mitteilsame Weise.
- Das Feature kennzeichnet der Duden als „Sendung
in Form eines aus Reportagen, Kommentaren und
Dialogen zusammengesetzten (Dokumentar)berichtes“.
Die Abgrenzung zur Reportage liegt in dem
eher essayistischen, diskutierenden, denn darstellend
beschreibenden Stil des Features. Gegenüber dem
Bericht grenzt sich das Feature wiederum durch seinen
atmosphärisch beschreibenden Charakter ab.
Das Feature ähnelt der Reportage, indem es Bilder
erzeugt und dazu ebenso den O-Ton, den Text wie
Geräusche und Atmosphären benutzt. Das Feature
ähnelt dem Bericht, indem es Argumente und Hintergründe
reflektiert. Es ist ein Hörbild und es geht
auf einen aktuellen, allgemein interessierenden Anlass
zurück. Ob es nun ein langes Feature für die eigens
geschaffenen Featureredaktionen des öffentlich
rechtlichen Rundfunks ist, oder um einen „angefeaturten“,
also mit feature-Elementen versehenen
Kurzbeitrag für die Magazinredaktion im Bereich
Unterhaltung. Features erlauben hinsichtlich der
journalistischen Formenvielfalt (fast) alles. Genau
das macht ihre Definition aber zum Beispiel bei Verkaufsgesprächen
zwischen freien Journalisten und
Redakteuren in den Sendeanstalten schwammig.
- Das Porträt: wird im Radio lebendig, wenn es das
Leben und die Person des Porträtierten hörbar
macht. Das Mikrophon muss die Aktivitäten (Torschüsse)
oder das Umfeld (Uhrenticken) oder die
Beziehungen (Tschühüß), kurz: das besonders Charakteristische einfangen. Der Aufbau des Porträts
ähnelt in der Regel einem Beitrag mit Einblendungen:
O-Töne und Textteile stehen in ausgewogenem
Wechselverhältnis. Nur wenige Sendestrecken erlauben
Formen wie das reine O-Ton-Porträt, das auf
jeden Kommentar verzichtet.
- Der Kommentar unterscheidet sich als zusammenhängender gesprochener Text nicht wesentlich vom
Zeitungskommentar. Allerdings gelten
hier wie auch in den anderen journalistischen
Hörfunkformen einige allgemeine Regeln zur Radiosprache.